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Final Destination

Glaubst du an Schicksal?

  • Geschichten aus dem Leben

Ich bin sehr organisiert. Vieles läuft in meinem Alltag nach Plan. Und ich halte mich an Uhrzeiten, jeden Tag. Das tue ich eigentlich ganz unbewusst. Andy nimmt mich immer hoch damit und nennt mich Asperger. Weil ich eben immer unter anderem exakt zur gleichen Zeit das Haus verlasse.

Letzte Woche fuhr ich mit dem Rad los zum Spätdienst.

Bei uns in der Strasse sehe ich plötzlich einen kleinen Löwen. Alexandras Helium Ballon scheint seinen Weg durchs Dachfenster gefunden zu haben und hat sich nun im Strauch in der Nachbarschaft verfangen. Ich halte an (obwohl das natürlich meinen Zeitplan jetzt durcheinander bringt). Ich mache schnell ein Foto und schicke es Andy, damit er den Ballon holen kann. Dann radel ich weiter, meine gewohnte Strecke. Ich muss ein paar hundert Meter an der Hauptstrasse fahren (der Rest ist Radweg). Ich sehe mit einem mal Bremslichter und Warnblickanlagen. Schlengle mich an den Autos vorbei und sehe plötzlich mitten auf der Strasse das Fahrrad und daneben einen Mann liegen. Selbstverständlich halte ich an. Ich kümmere mich um den Herren. Er ist Anfang 60 und sagt mir, der LKW habe ich abgedrängt und dann ist er gestürzt. Zwei Männer stehen ebenfalls da. Sie waren in den jeweiligen Autos dahinter. Ich frage, ob schon jemand die Rettung alarmiert hat, was verneint wird und zeige dann auf den einen der Männer und sage “Dann rufen sie jetzt die 144 an”. (Wichtig- immer eine Person direkt ansprechen und den Auftrag verteilen und nicht einfach sagen “man muss dann jetzt anrufen”, weil dann denkt jeder, der andere machts).

Ich betreue den Fahrradfahrer. Er ist nicht bewusstlos gewesen, sein Helm ist zerkratzt, also ist er offensichtlich auf den Kopf gefallen. Er gibt Schmerzen in der rechten Schulter an und hat eine Abschürfung im Gesicht. Der Mann, den ich aufgefordert habe, den Notruf abzusetzen steht neben mir und reicht mir sein Handy. Die Leitstelle hat Fragen zum Zustand des Patienten und zum genauer Unfallort (frage mich, warum der andere Typ das nicht beantworten konnte, aber nun gut). Polizei und Rettungsdienst sind auf dem Weg. Der Autofahrer macht Anstalten zu gehen. Ich bitte ihn, doch zu bleiben, bis die Polizei kommt, da er ja im Auto genau hinter dem LKW war. Er hat ja gar nichts gesehen und er habe keine Zeit. Er rollt mit den Augen.

What the hell man.

Und ich? Mein Spätdienst wartet auch auf mich. Seh ich aus, als wenn ich aus Langeweile hier unterwegs wäre und massenhaft Zeit hätte? Ein Mann ist umgefahren worden. Er ist verletzt und du bist Zeuge, Alter. Gibt es gerade viel wichtigeres? Der Unfallverursacher ist flüchtig, er hat nicht angehalten. Er hat nicht geholfen. Vielleicht hat er ja nicht mal gemerkt, was passiert ist, wer weiss das schon. Aber DU kannst jetzt gerade helfen. Durch deine kleine Aussage. Vielleicht welche Farbe der LKW hatte oder wie genau sich das zugetragen hat. Ist das zu viel verlangt?

In einer Welt voller Egoisten und gestressten Menschen ohne Zeit haben wir scheinbar wirklich vergessen, uns auch mal in die Situation eines anderes reinzuversetzen.

Irgendwann später komme ich im Krankenhaus zum Spätdienst an. Und während ich die Treppen in den sechsen Stock hochlaufe wird mir eines bewusst: Hätte ich nicht angehalten um den Löwen zu fotografieren, dann wäre ich eine Minute früher auf der Strasse dort gewesen. Dann hätte der LKW vielleicht mich umgebügelt, anstatt diesen Mann.

Jeder hat seinen Glauben.

An Gott, an Allah, an das Schicksal, an was auch immer. Spielt keine Rolle, soll jeder, wie er es für richtig hält. Aber ich habe nach diesem Ereignis wieder einmal gedacht: Das Buch ist doch längst geschrieben. Es steht fest, was wann mit mir passieren wird. Und dann ist es vielleicht der kleine Löwe, der dafür sorgt, dass auch wirklich alles so passiert, wie es für mich vorgesehen ist. Ich weiss, klingt jetzt sehr esoterisch usw. und muss auch nicht deiner Meinung entsprechen, aber ich kann ja hier meine Gedanken einfach ganz wild in die Tasten hämmern.

Einen Tag später ist mein Opa übrigens kurz vor seinem 99. Geburtstag gestürzt und hat sich das Genick gebrochen. Zweiter Halswirbel- durch. Juckt ihn nicht. Die Halskrause hat er nach 2h abgemacht und auf den Stuhl gelegt. Sein Buch hat ganz offensichtlich auch noch einige Seiten für ihn parat- wie schön!

Andy und ich verabschieden uns immer mega doll. Wir bringen einander zur Tür, wir geben uns einen Kuss, wir drücken uns und sagen uns nette Worte. Weil wir beide leider schon mehrfach die Erfahrung machen mussten, dass es nicht selbstverständlich ist, dass der Andere gesund und munter nach Hause kommt.

Ich weiss ja nicht, was im nächsten Kapitel von meinem kleinen Buch des Lebens steht, aber ich hoffe, es hat noch massenhaft Seiten, wie bei meinem Opi.

In diesem Sinne, lass mal dankbar sein.