Die Natur hat den Längsten
Warum Nachhaltigkeit uncool ist
Die Sommer werden immer heisser. Wasser wird ein goldener Rohstoff. Man verbietet uns, unseren Rasen zu sprenkeln, weil Wasser eben so knapp ist.
Im Winter gibt es viel weniger Schnee. Ob meine Tochter je weisse Weihnachten erleben wird?
Aber Klimawandel ist ja kein Thema.
Vor ein paar Jahren war Nachhaltigkeit DAS Ding schlechthin. Es war förmlich ein Trend, so grün wie möglich zu sein. Wir waren alle vegan und haben uns bewusst für die Umwelt interessiert.
Ich bin einmal in der Woche in den Unverpacktladen gegangen und habe dort für ne halbe Niere eingekauft. Und das habe ich auch gerne gemacht. Heute weiss ich gar nicht, ob es in meiner Nähe noch so einen Laden gibt, oder ob die alle dicht gemacht haben. Ich bin mit Gemüsenetzen zum Bauern einkaufen gegangen, habe mir die Haare mir Haarseife gewaschen und die Beine mit nem Rasierhobel rasiert.
Die Industrie hat drauf reagiert. Shampoo Flaschen sind jetzt recyclebar. Die Tütchen für das Obst im Supermarkt kompostierbar und die Auswahl an veganen Produkten ist mittlerweile riesig. Viel mehr Menschen fahren jetzt ein Elektroauto- mich eingeschlossen. Allgemein fahre ich aber nicht mehr oft Auto, weil ich meinen Arbeitsweg ausschliesslich mit dem Rad zurücklege. Ob ich das jetzt der Umwelt zur Liebe tue, oder weil ich mich gerne bewege, oder zu geizig für die Parkgebühren bin ist ja Interpretation Sache.
Aber sind wir nicht weiterhin der Natur etwas schuldig?
Sollten wir nicht immer noch ein bisschen bewusster leben? Was natürlich nicht so einfach ist in einer Konsumgesellschaft, in der man ständig das Gefühl hat, alles sofort kaufen zu müssen. Ich zeige da jetzt nicht mit dem Finger auf dich, sondern reflektiere mich viel mehr selbst. Wir waren dieses Jahr auf Lanzarote und fliegen nächsten Monat nach Hawaii. Nicht gerade nachhaltig. Mach ich das mit meinem läppischen bike2work wirklich wieder wett? Oder damit, dass ich strikt den Müll trenne und auch noch zum Bauern einkaufen gehe, obwohl es mittlerweile nicht mehr “cool” ist?
Ich bin nicht mehr vegan. Wir kaufen Fleisch beim Metzger ein. Es kostet einiges. Aber es ist köstlich und wir geniessen es- weil wir es bewusst essen. Trotzdem gibt es einige Stellschrauben, an denen ich wieder drehen möchte.
So ein Unwetter, wie es hier vor einigen Wochen gab, macht mir wieder bewusst, wie klein wir sind. Fünf Minuten Weltuntergangsstimmung mit Hagelkörnern so gross wie Golfbällen hat Spuren hinterlassen. Das Auto sieht schlimmer aus, als mein Oberschenkel. Die Dachziegel haben abgeschlagene Stellen und unsere Versicherungsiltis ist kurz vorm Burnout, weil so viele Fälle gemeldet wurden.
Die Lütte trägt fast nur second hand Klamotten- sie passen ja auch nur n paar Wochen. Alles, wo sie rausgewachsen ist, geht in die Brockenstube, damit noch ein anderes Mädchen Freude daran haben kann. Ich vermeide Impulskäufe und lasse Dinge mindestens 24h im Warenkorb ruhen, bevor ich finally auf kaufen drücke- weil ich dann Zeit habe, drüber nachzudenken, ob ich es wirklich brauche.
Ich konsumiere Proteinshakes aus riesigen Kübeln, was absolut nicht nachhaltig ist. Ich habe als Zweitwagen einen fetten SUV, der literweise Diesel schluckt, sobald er auch nur vom Hof rollt. Ich bin also alles andere als perfekt und finde auch nicht, dass das irgendwer sein muss. Aber jeder kann so ne kleine Schraube drehen.
Auf der Arbeit, wo es gratis Wasser in PET Flaschen gibt, vergeht kein Tag, an dem ich nicht mindestens zwei Liter von irgendwem wegkippe. Flaschen, die nicht beschriftet sind, Flaschen, von Kollegen, die erst in ein paar Tagen wieder kommen und dann dieses Wasser definitiv nicht mehr trinken. Ich kippe es einfach in der Ausguss. Diesen goldenen Rohstoff, der von ein paar Wochen noch so heilig war, dass ich eben meine Hecke nicht damit giessen durfe. Dieser goldenen Rohstoff, für den andere Völker morden würden, weil sie so durstig sind.
DAS tut mir wirklich weh.
Mein wiederbefüllbares Deo macht auch nicht wieder gut, dass ich viel zu heiss und viel zu lange dusche (auch wenn ich so n Wassersparduschkopf benutze).
Aber dadurch, dass ich das jetzt hier geschrieben habe, bin ich mir selber meiner Schwächen wieder mehr bewusst geworden. Und mein ökologischer Fussabdruck wird schon besser, wenn ich nur ein BISSCHEN bewusster bin. Und dich vielleicht motivieren konnte, auch ein kleines bissl mehr an die Umwelt zu denken.
Denn, wir haben nur diese eine Erde.
In diesem Sinne, lass mal dankbar sein...