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Die alte Dame

Dorfbegegnungen

Ich laufe jeden Tag bei uns durchs Dorf. Mit den Hunden. Mit dem Kind. Immer wieder begegne ich dieser alten Dame, die im Stechschritt unterwegs ist. Egal, wie das Wetter ist, ich sehe sie jeden Tag. Irgendwann geht es über das gewohnte Lächeln hinaus und wir kommen ins Gespräch.

Sie geht täglich zu ihrem Mann.

Er liege hier bei uns an der Kapelle auf dem Friedhof. Er sei vor 15 Jahren gestorben und sie geht jeden Tag zu ihm (das halte sie fit, sagt sie).

Sie erzählt mir das mit einem leichten Lächeln. Sie wirkt zufrieden, nicht traurig. Ich merke sofort, wie mir Tränen in die Augen steigen (ich bin auch so verdammt nah am Wasser gebaut, seit die Kleine geboren ist). Weil ich es so herzerwärmend finde. So schön, die Bedeutung von Liebe, die über den Tod hinaus so mächtig ist.

Heute morgen laufe ich wieder mit den Vierbeinern am Friedhof vorbei. Ich sehe die Dame mit den kurzen grauen Haaren am Grab stehen. Sie bückt sich und reisst etwas Unkraut raus. Sie lächelt und redet. Sie redet mit ihrem Mann.

Ich denke darüber nach, was wäre, wenn mein Mann irgendwann da liegen würde. Und ich denke sofort (egoistisch wie ich bin)- hoffentlich sterbe ich vor ihm. Während mir das durch den Kopf schiesst schäme ich mich auch schon. Weil es doch gemein und eben egoistisch ist, dass ich mir wünsche, dass er den Schmerz ertragen muss und es mir erspart bleibt. Das ich einfach hoch auf meine Wolke husche und ihn beobachten kann, während er leiden muss, um um mich zu trauern.

Wieder kullert mir eine Träne über die Wange.

Nike bleibt sofort stehen und guckt wie ein Schaf (Hunde spüren ja auch, wenn was nicht stimmt). Der Gedanke meine Liebsten irgendwann zu Grabe tragen zu müssen löst so einen unbändigen Schmerz in mir aus, der sich wie ein grosser Fels auf meiner Brust anfühlt. Der Gedanke selbst irgendwann zu sterben macht mir hingegen schon lange keine Angst mehr (was vielleicht auf meine spirituelle Einstellung zurückzuführen ist).

Es wird passieren. Ich werde Menschen beerdigen müssen, die ich sehr liebe, die mir sehr nahe stehen. So wie du auch.

Durch meinen Beruf habe ich eigentlich eine sehr gute “Beziehung” zum Thema sterben. Ich kann gut damit umgehen, wenn Menschen in meiner Gegenwart den letzten Atemzug machen. Ich war für viele schon die letzte Stimme, die sie gehört haben. Die letzte Hand, die sie auf ihrer gespürt haben und war oft die, die das Fenster geöffnet hat, damit ihre Seele in den Himmel fliegen kann, wenn sie den Körper verlassen hat. Und auch die, die die Klappe geschlossen hat, wenn sie sie ins Kühlfach geschoben hat.

Es ist ein ziemlich düsteres Thema, ich weiss. Aber irgendwie lässt es auch die Sonne noch heller scheinen. Weil einem die Endlichkeit des Lebens vor Augen gehalten wird und man sich wieder einmal mehr bewusst wird, wie kostbar die Zeit ist.

In diesem Sinne…lass mal dankbar sein.