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Bin ich wirklich gut genug?

Was gewisse Apps in mir auslösen und wie ich meinen Weg gefunden habe, damit umzugehen

  • Innere Mitte und so

In manchen Wochen gewinnt der Sport. In anderen die Familie, in der nächsten der Haushalt oder der Job. Und das ist auch völlig ok.

Ich bin fast vierzig. Ich kann nicht mehr allem gerecht werden. Und wollen tue ich es schon lange nicht mehr. Aber wenn ich das Internet anknipse und meine wertvolle Lebenszeit mit scrollen verschwende, habe ich das Gefühl, ich bin schlecht. In allem. Ich bin nicht genug (auch wenn mir dieser Ohrwurm über jedem zweiten Beitrag etwas anderes mitteilen möchte).

Mir wird suggeriert, dass alle in allem perfekt sind. Weil ich sehe, wie Chantal heute “schnell” ne zwölfstöckige Torte aus den Resten zusammengerührt hat. Karin die Hemden ihres Mannes gebügelt hat, nachdem sie mit ihrem Hyla schnell alle Betten im Haus tiefengereinigt hat ( verdammte Hacke- ick habe weder n Bügeleisen, noch n Hyla). Simone ist gerade im Gym. Sie ist mit ihrem Lastenfahrrad hingefahren und huscht danach noch schnell zum Bauern um frisches Gemüse zu kaufen damit sie für ihr perfektes Baby den Brei selber kochen kann (natürlich vegan).

Versteh mich nicht falsch, die Hälfte von dem ganzen Schmodder mache ich auch. Aber selten alles an einem Tag. Und die Damen natürlich auch nicht. Aber mein Hirn will mir das klar machen, weil es mir so in den Feed gespült wird. Ja bin ich denn dumm oder was? Wieso macht das was mit mir?

Irgendwann ist mir bewusst geworden, das ich eben auch Part of the Game bin. Ständig werde ich gefragt “Wie schaffst du das nur alles?”. Weil ich mein Instagram auch mit meinem Alltag füttere. Weil du in meinen Storys sehen kannst, wie ich um 5 Uhr aufstehe und Yoga mache. Danach zur Arbeit radle und nach Feierabend mit Kind im Buggy noch zur Badi joggen gehe um meinen mit Sixpack bestückten hotten Mann dort abzuholen.

Und ich nehme dich mit. Auf meinem Account. Ich zeige dir voller Stolz all das, was ich geschafft habe. Aber ich tue das nicht, weil ich dir damit ein schlechtes Gefühl geben will- das machen die anderen Ladys auch nicht- und trotzdem fühle ich mich hin und wieder mies nachdem ich diese App konsumiert habe.

Also warum zeige ich es dann?

Ich habe keine Antwort auf diese Frage. Ich versuche immer sehr authentisch zu sein und offen und ehrlich in die Kamera zu sprechen. Ich präsentiere nicht nur die Sonnenseiten, sondern auch die Momente, die mich an meine Grenzen gebracht haben. Die Wäscheberge, die riesigen Stapel vom dreckigen Geschirr, schimmelige Joghurtbecher hinterm Sofa und das absolut zugemöhlte Chaos gibt es bei uns nicht- obwohl es jetzt modern zu sein scheint, genau das zu präsentieren. Nicht das bei uns immer alles perfekt aufgeräumt wäre, aber was man da manchmal online sieht…Heimatland, das ekelt mich ja schon über den Bildschirm.

Wir betrachten andere Accounts und denken, der oder die hat es ja soviel einfacher und soviel besser. Und es geht unter, dass das andere über unseren Account auch denken. Vergleichen war schon immer etwas sehr toxisches (obwohl es natürlich auch motivierend sein kann- ja was denn nun?).

Für diese Thematik habe ich für mich Lösungen gefunden: Ich konsumiere bewusst. Wenn ich ey schon mies drauf bin, dann trägt es meistens eher nicht zur Steigerung meiner Laune bei, wenn ich durchs Internet surfe und mich berieseln lasse- so n Buch hingegen oder ne Runde Yoga/ Meditation bewirkt da wahre Wunder. Ich entfolge sämtlichen Accounts, die mich mehr als 3x aufregen oder etwas in mir auslösen. Ich versuche meinen Algorithmus so zu schulen, dass er mir nur Dinge zeigt, die ich auch wirklich sehen will. Ich liebe, liebe, liebe diese App und nutze sie wirklich sehr, sehr gern. versteh mich also bitte nicht falsch. Aber mein altes, verschrumpeltes Hirn kann nicht mehr alles filtern und in die richtige Schublade sortieren, was ich da sehe, deswegen muss ich hinter mir selbst stehen und den mahnenden Zeigefinger heben, wenn ich merke, es läuft in die falsche Richtung.

Und das gelingt mir mal mehr und mal weniger. Aber wie heisst es so schön: Einsicht ist der erste Weg zur Besserung. Mental health ist in aller Munde. Es aber wirklich zu leben heisst halt mehr als darüber Kalendersprüche posten, Weisheiten in der Story teilen oder bei Substack Briefe darüber zu schreiben.

In diesem Sinne..lass mal dankbar sein.